Andacht 24. Juni 2020  

                     
Liebe Gemeinde!

 

Herzlich Willkommen zur heutigen Andacht am Mittwoch, der letzten vor den Sommerferien.


Nur noch zwei Tage, dann beginnen sie, die Sommerferien.


Anders in diesem Jahr, in dem alles so anders ist als in den Jahren zuvor.

So richtig Schule war ja eigentlich nicht in den letzten drei Monaten. Und da, wo es für die Schulkinder wieder normal werden sollte - da war die Schule auch schon wieder zu.

Aber jetzt Ferien! Richtige Ferien? Die Ungewissheit bleibt. Für viele ist der Sommerurlaub ganz gestrichen, viele wissen noch nicht wirklich, ob alles so klappt, wie sie es sich vorgestellt hatten. Und die, die wissen, dass sie in Ferien fahren können, müssen sich darauf einstellen, dass doch so einiges anders sein wird als gewohnt.


Und doch freuen sich viele auf diese „schönste Zeit des Jahres“. Bei allem Stress und aller Ungewissheit, was kommt, überwiegt doch die Freude und auch Vorfreude.
Jedenfalls geht es mir so, die Freude auf Ausspannen, Wandern in den Bergen oder im Bergischen, die Aussicht auf entspannte Tage ohne Termindruck, ohne Ärger in Beruf oder Ehrenamt, auf gemütliche Abende zum Klönen oder gemeinsamen Spielen mit der Familie trägt mich wie auf Flügeln über diese letzten vollgepackten und stressigen Tage vor dem Ferienbeginn. Und es geht mir dabei ähnlich wie Gerhard Engelsberger in seinem folgenden Gedicht:


Kein Kind von Traurigkeit      (G. Engelsberger)
Es ist alles gut.

Ich bin aufgeräumt wie selten,

glücklich bin ich, dass ich das Dunkle hinter mir habe.


Mach mich zu einem Virus, Gott.

Ich möchte ansteckend leben.

Ich bin so voller Glück,

dass ich schier platze.

Ich muss teilen,

was du mir schenkst.


Auch wenn sie mich nicht recht verstehen -

Ich will mich nicht überheben,

will sie nur anstecken

mit meiner Freude.

 

 

Freude

 

Als ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, sprach es mich sofort an und ich wollte es direkt für eine dieser Andachten verwenden.

Aber  als ich dann anfing, mich mit diesem vermeintlich so leichten Thema zu beschäftigen, da wurde es auf einmal schwierig. Es ist so viel leichter über schlimme Dinge zu sprechen. Verzweiflung, Kummer, Schuld - dazu finden sich jede Menge beeindruckender Texte und Gedanken - aber Freude?

Manches findet sich, aber ist dann so oberflächlich und platt, dass es nicht wirklich wert ist, gelesen zu werden.


Liegt das vielleicht daran, daß es naiv ist, sich zu freuen? Auf die Sommerferien, auf eine Feier, auf das Leben, das vor einem liegt, oder über die schönen Dinge, die wir schon erlebt haben?


Dürfen wir uns vielleicht als denkende, verantwortungsbewusste Menschen gar nicht freuen? Ist Freude verwerflich im Angesicht so vieler furchtbarer Dinge, die wir tagtäglich erleben und mitbekommen?


Manche Menschen sind von klein auf in einer Atmosphäre der Vorwürfe oder einer ständigen Schuld aufgewachsen; was immer sie taten erschien falsch oder dazu angetan anderen Kummer zuzufügen. (Eine Haltung, die sich gar nicht so selten in stark christlich geprägten Kreisen findet.) 

Manchen wird von Anfang an vermittelt, sie seien allein durch ihr Dasein schuld am Unglück ihrer Eltern oder anderer Mitmenschen.

Wie kann ein solcher Mensch Freude empfinden, wenn er so geprägt wurde?


Geht das überhaupt?


Schauen wir dazu auf den Beginn der Schöpfungsgeschichte aus Genesis 1 und ich lade Sie ein, einmal nachzulesen, wie oft da steht:  „und Gott sah, dass es gut war.“


Und Gott sah, dass es gut war - dieser Satz steht gleich sechs mal im Schöpfungsbericht - sechs mal bereits vor der Erschaffung des Menschen. Und ganz zum Schluß (in Vers 31 der Schöpfungsgeschichte) wird noch einmal wiederholt:
Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und, siehe, es war sehr gut.

 

 

Man könnte auch sagen, Gott freute sich an seiner Schöpfung, so wie wir uns an ihr freuen dürfen. An dieser grandiosen Welt mit ihrer Natur, mit ihren Lebenszyklen, die uns immer wieder zeigen, dass auf jede Nacht, jeden Winter, jedes Verdorren und jedes Sterben ein neuer Tag, ein neuer Frühling, neues Wachstum und Leben folgt.


Darin liegt eine unglaubliche Verheißung: es wird nicht dunkel bleiben wie in der Tiefe der Nacht - Gott schenkt jeden Morgen einen neuen Tag. Es wird nicht kalt bleiben wie im Winter - jeder Frühling bringt Sonne und neues Wachstum, es kommen die Tage, an denen die Natur geradezu explodiert - alles wird grün, bunte Blumen blühen, die Vögel zwitschern, als hätte es nie einen Winter gegeben.


„Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.“ So steht es schon beim Propheten Jesaja. Und er weist damit hin auf Jesus Christus, auf Weihnachten und über und vor allem auf die große „Osterfreude“. 

Mit der Auferstehung vollendet sich der letzte große Zyklus der Schöpfung. Auf Leiden und Tod folgt die Auferstehung, das ewige Leben in der Freude Gottes. In Jesu Überwindung des Todes liegt der Grund aller Freude, daß wir die Schöpfung mit allen Sinnen genießen dürfen, daß wir uns freuen dürfen - auch und gerade im Angesicht aller Schrecken dieser Welt.


So sagt es auch das folgende Gedicht von Phil Bosmans, einem belgischen Ordenspriester, der auch als der moderne Franziskus bezeichnet wird.


Das ist der Sinn      (Phil Bosmans)


Meine Augen sind da für das Licht,

für das Grün des Frühlings,

für das Weiß des Schnees,

für das Grau der Wolken,

für das Blau des Himmels,

für die Sterne der Nacht.


Mein Mund ist da für das Wort,

für das gute Wort,

auf das einer wartet.

Meine Lippen sind da für den Kuss

und meine Hände,

um zärtlich und sanft zu sein,

um zu streicheln

und Trost zu spenden,

und meine Füße,

um den Weg zu meinem Nachbarn zu gehen.

 

 

Mein Herz ist da für die Liebe,

für die Wärme,

für jene, die in Kälte

und Einsamkeit leben.

Ohne Leib bin ich nirgends,

ohne Sinn bin ich nichts.

Alles das hat Bedeutung.

Alles das ist da

für das unvorstellbare Wunder,

dass es soviel wunderbare Menschen um mich gibt…

Warum begreife ich dann nicht,

dass ich für die Freude gemacht bin?

 


Wir wollen beten:


Herr, wir haben gehört, daß wir uns freuen dürfen. Freuen an der Schönheit und Größe Deiner Schöpfung, freuen, daß Du uns über diese Schöpfung hinaus durch das Leben und Sterben Jesu Christi als Deine Kinder annimmst - aller unserer Unvollkommenheit zum Trotz. Dafür danken wir Dir.

Und wir bitten Dich, daß Du uns in der vor uns liegenden Zeit begleitest - diejenigen von uns, die voll Freude in die Ferien gehen dürfen, aber auch diejenigen von uns, deren Herz schwer ist, die sich nicht so freuen können. 

Gib Ihnen, daß auch sie noch Dinge finden, die ihnen Deine große Freude vermitteln.
Gott lege seine Hand auf Deine Augen, dass sie sich öffnen für das Schöne: für das sanfte Licht der Mondsichel, den schwebenden Tanz der Schmetterlinge, für leuchtendes Waldbeerenrot und zarten Kastanienschimmer, für das verträumte Lächeln in einem  Kindergesicht.


Mögest Du von Sehen zu Sehen wandern. Möge das Staunen Dich nie verlassen.


Unser Vater im Himmel…


Der Herr segne uns und behüte uns

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns

und sei uns gnädig

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns 

und gebe uns Frieden.

Amen.

 


(Ein Wort in eigener Sache: die Andacht am Mittwoch gibt es immer am 2. und 4. Mittwoch im Monat - außer in den Schulferien. Da ich am 2. Mittwoch im August noch nicht wieder da bin, verlängert sich die „andachtsfreie Zeit“ jedoch bis zum 26.August. Einen schönen Sommer wünscht Ihnen 

                                                                                                                                     Jutta Schindewolf-Grams)

 


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