Andacht        Mitwoch, 25.03.2020      

Liebe Gemeinde!
Es sind außergewöhnliche Zeiten. Das Corona-
Virus hat uns fest im Griff - nicht nur das tägliche
Leben sondern auch die Gedanken in unseren
Köpfen und die Stimmungen und Gefühle unserer
Herzen.
Damit das Letztere nicht ganz so bleibt, sollen an
dieser Stelle immer mal wieder ein paar andere
Gedanken den Weg in unsere Köpfe und Herzen
finden.
Nehmen Sie sich 10 min Zeit für eine Pause vom
Alltag, für eine Pause von Corona….


„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“


Das hat Hermann Hesse gesagt und wer kennt
ihn nicht, diesen Gedanken?
Wir alle kennen auch dieses Gefühl, wenn etwas
Neues beginnt - die Freude über ein neugeborenes
Kind, die Neugier am ersten Tag in der Schule
oder an einer neuen, vielleicht aussichtsreichen
Arbeitsstelle, das Glück eines jungen Paares, das
das gemeinsame Leben beginnt, der erste Tag in
der neuen Wohnung, die Premiere eines neuen
Stücks….

 

Das sind schon ganz besondere Momente.
Neuanfang ohne Altlasten, alles ist noch ganz
frisch und neu, davon träumen wir immer wieder.


Doch was kommt danach, wenn nach dem ersten
Schultag ganz normale Tage mit lästigen Hausaufgaben
folgen, wenn den ersten mit Stolz gelernten
Worten in der neuen Fremdsprache das
Büffeln von Grammatik und Vokabeln folgt,
wenn sich die ersehnte neue Arbeitsstelle als
langweilig aber dennoch mehr als die angedachten
vierzig Stunden heraus stellt,
wenn in das gemeinsame Leben der Alltag mit allen
tagtäglichen Lästigkeiten einzieht, wenn die
hundertzwanzigste Aufführung gespielt oder eher
schon abgespult wird?
Wo bleibt da der besungene Zauber?


Selbst in der Schöpfungsgeschichte folgen auf die
sieben Tage der Schöpfung und das Paradies
der Sündenfall und die Vertreibung aus eben diesem
Paradies. Was dann?


Da kann es passieren, daß es uns ergeht wie es
Antje Sabine Nägeli im folgenden Gedicht beschreibt.

 

Nacht der Seele
Davongeschlichen hat sich die Freude.
Ich kenne sie nicht mehr.
Keine Liebe erhellt mir den Tag.
Verlassen bin ich
unter den Menschen.
Sie verstehen mich nicht.
Bitter geworden ist mir
des Lebens Geschmack.
Feindlich schaut mich
der neue Morgen an.
Er fordert von mir,
und ich spüre nichts als Schwäche
und grenzenlose Müdigkeit.


Ich sehe die Tüchtigen.
Zum Fallstrick werden sie mir.
Ich versinke in Scham
über mein Versagen.
Sinnlos verbringe ich meine Zeit,
wartend, dass es Abend wird.
Gott, wo bist Du?
Meine Seele ist leer.
Mein Gebet ist matt.
Hast Du mich vergessen?
Bin ich Dir Last?


Lass mich heimkehren

aus dem Nachtland.
Steige mir nach
in die finstere Schlucht,
denn ich bin am Ende aller Kraft,
und ich weiß nicht, ob ich Dich

morgen noch rufen kann.

 


Oder es kann sein, daß wir unser Leben so anpacken,
wie ich es jetzt vorlese - auch von einem
großen Dichter in Worte gefasst:


„…Sich selber vertrauen, wenn alle an einem
zweifeln, aber ihnen ihre Zweifel erlauben;
Warten können und nicht müde werden vom Warten;
Träumen können und nicht von Träumen beherrscht
werden;
Denken können und nicht Gedanken zu seinem
Ziel machen;
Triumph und Unglück treffen und diese beiden
Betrüger gleich behandeln;
Die Dinge zerbrechen sehen, an die man sein Leben
gab, und sich bücken und sie wieder zusammenflicken
mit abgenützten Werkzeugen.“

 

So leben zu können, so resilient zu sein, wie es
die Psychologen heute nennen, ist schon ein
großartiges Ziel - diese Worte sind übrigens das
Wichtigste, das mir in meiner Schulzeit mitgegeben
wurde,
dafür bin ich meiner Deutschlehrerin bis heute
dankbar.
Woher der Verfasser dieser Zeilen die Kraft für ein
solches Leben genommen hat, oder woher er
hoffte, sie zu bekommen, weiß ich nicht, denn
Bertold Brecht - und von keinem Geringeren sind
diese Worte - war wohl nicht so der überzeugte
Christ.

 

„die Dinge zerbrechen sehen, an die man sein
Leben gab, und sich bücken und sie wieder zusammenflicken
mit abgenützten Werkzeugen.“

 

Ich kann mir so etwas nur vorstellen, wenn ich
nicht allein vor dem Trümmerhaufen des Lebens
stehen muß, wenn ich mich getragen und begleitet
weiß, was auch immer kommen mag.

 

Ich lese in Psalm 121.

 

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird Deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert
nicht.

Der Herr behütet Dich,
der Herr ist Dein Schatten über Deiner rechten
Hand,
daß Dich des Tags die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte Dich vor allem Übel,
er behüte Deine Seele.
Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit.

 

Es sei mit uns der Segen Gottes
im Atemholen,
im Träumen,
im Wachen,
im Schmerz
in der Freude
im Denken
im Tun
im Verweilen
im Fortgehen
es sei mit uns der Segen Gottes
wie eine Hand
auf unserer Schulter.    Amen.

 

Frau Dr. Schindewolf-Grams